Ebook Leser als W/Reader? Rollentausch?Buchmarkt: Leser, mach’s dir selbst! | Poesie, Kunst, Literatur, Spiel, Fluxus, Netzliteratur, Medienkunst, Netzkunst | Scoop.it
Im Netz wird das Schreiben von Büchern ein kollektives Abenteuer: Das Publikum mischt mit. Es ist eine Rollenverschiebung. Von Maximilian Probst und Kilian Trotier

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"Was aber bleibt davon übrig, wenn Autoren wie Fenske das Kollektiv der Leser basisdemokratisch entscheiden lassen? Was passiert, wenn das Medium Buch unwiderruflich in die Logik des Digitalen eintaucht? Wenn die Möglichkeiten der Vergemeinschaftung im Netz den Prozess des Bücherschreibens verändern? Wenn das, was erzählt werden soll, im Wissen um die digitale Sphäre produziert wird?"

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"kleine Experimentierstuben ... in denen das gedruckte lineare Buch aufgebrochen wird: Es gibt E-Books, die mit Zusatzmaterial angereichert werden, mit Videos, Audiomaterial und Bildern – diese »Enhanced E-Books« sind vor allem bei Reise- und Kochbüchern beliebt. Es gibt sogenannte Sequentials, die wie Fortsetzungsromane häppchenweise gekauft werden können. Es gibt spielerische Elemente im E-Book, die sich in Form und Ästhetik an Computerspielen orientieren, und es gibt, davon ausgehend, E-Books, bei denen der Leser wählen kann, aus welcher Perspektive er die Geschichte lesen möchte und ob sie mit wenig, viel oder ganz viel Erotik aufgeladen sein soll."

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"Es sind die Leser, die so zum entscheidenden Korrektiv und zur entscheidenden Instanz werden – und zwar nicht mehr wie früher durch ihre Kaufentscheidung, sondern durch ihr Leseverhalten. Sie übernehmen die Rolle des nachträglichen Lektors und entscheiden als Kollektiv, in welche Richtung die Geschichten gehen. Die empirische Evidenz der Daten siegt als Quantität über jedes qualitative Argument."

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"Immer geht es darum, dass die Leser nicht mehr bloß interpretieren, sondern intervenieren. Aber niemand von ihnen geht so weit wie Dirk von Gehlen, Autor und Leiter für den Bereich Social Media/Innovation bei der Süddeutschen Zeitung. Sein Projekt heißt Eine neue Version ist verfügbar, und er lässt darin seine Leser nicht nur partiell entscheiden, sondern am gesamten Prozess des Buchschreibens teilhaben. Die Leser werden zu Experten für seine Sache, und der Autor übernimmt die Rolle eines Salonbetreibers, der Vorschläge macht, moderiert und der am Ende ein Werk zusammenbindet, das im Idealfall ein aus den Diskussionen entstandenes Gemeinschaftsprodukt ist."

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"Es ist eine Rollenverschiebung in einem lange als asymmetrisch akzeptierten Beziehungsverhältnis, die die Digitalisierung provoziert: Das alte, gedruckte Buch, das über Jahrhunderte mit dem Selbstbild des »So steht es geschrieben« der Bibel auftrat, artikulierte einen Anspruch auf ein Allgemeines, das je individuell eingelöst wurde. Der einzelne Leser sollte sich dann – nach dem Modell des nicht zufällig zeitgleich zu Gutenbergs Erfindung entstehenden Protestantismus – das gedruckte Wort selbstständig zu eigen machen."

VON Maximilian Probst | Kilian TrotierDATUM 31.01.2013 - 14:03 UhrQUELLE DIE ZEIT, 31.1.2013 Nr. 06KOMMENTARE 14