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Heiko Idensen: Hypertext, Hyperfiction, Hyperwissenschaft

Plato: Schrift tötet lebendiges Gedächtnis

Plato, sich gleichermaßen gegen Literatur im Netz als auch gegen die Schrift prinzipiell wendend simuliert seinerseits einen Dialog zwischem seinem nur mündlich lehrenden Lehrer Sokrates mit Phaidros, in dem die Schwäche der Schrift im Gegensatz zu dialogischen Kultur herausgestellt wird:
"Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften: Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so bezeichnen sie doch nur stets ein und dasselbe. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht."
(Platon, Phaidros. in: Sämtliche Werke 4, Hamburg 1957, S.56 )

Derrida: bloß nicht an der Oberflächen bleiben!

Derrida, müde und abgespannt wirkend vom dauernden differenzieren und dekonstruieren, pflichtet ihm bei und überbietet ihn noch (wer hätte das gedacht - oder handelt es sich um ein Mißverständnis, einen Übersetzungs- oder Übertragungsfehler?)
"Was es heute zu Denken gilt, kann in Form der Zeile oder des Buches nicht niedergeschrieben werden. (155) Wenn wir den Text vom Buch abheben, dann wollen wir damit sagen, daß der Untergang des Buches, wie es sich heute in allen Bereichen andeutet, die Oberfläche des Textes bloßlegt. (35)
Kinematographie, Choreographie, aber auch 'Schrift' des Bildes, der Musik, der Skulptur usw. Ebensogut könnte man von einer athletischen Schrift sprechen und, in Anbetracht der Techniken, die heute dieses Gebiet beherrschen, mit noch größerem Recht von einer Schrift des Militärischen oder des Politischen. [...] Im Hinblick auf die elementaren Informationsprozesse in der lebenden Zelle spricht auch der Biologe heute von Schrift und Pro-gramm. Und endlich wird der ganze, vom kybernetischen Programm eingenommene Bereich [...] ein Bereich der Schrift sein. (21) Entgegen allem Augenschein kündigt der Tode des Buches zweifellos [...] bloß einen Tod des gesprochenen Wortes und eine neue Mutation in der Geschichte der Schrift [...] an. (20) Wie schon bei Platons Schrift der Wahrheit in der Seele haben wir es auch noch im Mittelalter mit einer im metaphorischen Sinnen verstandenen, natürlichen, ewigen und universalen Schrift zu tun [...]. Wie im Phaidros bleibt ihr eine gewissermaßen abgefallene Schrift entgegengesetzt. (31)"
(Derrida, Jacques: Grammatologie, Frankfurt/Main 1974, Originaltitel: De la grammatologie, Paris 1967)

Plato: Verwerfung jeglichen Schreibens

Plato, jetzt wirklich sauer auf diesen Versuch, die Schrift wieder aus den Klauen der Mündlichkeit zu befreien, wird laut und unflätig:
"Denn diese Erfindung wird den Seelen der Lernenden vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Erinnerns, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für die Erinnerung, sondern nur für das Erinnern hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. "
(Platon: Phaidros. in: Sämtliche Werke 4, 7-61, nach Friedrich Schleiermachers Übersetzung von Walter F. Otto, Ernesto Grassi und Gert Plamböck herausgegeben, hier:55)

Bonaventura: Schreiber, Kompilator, Kommentator, Autor - eine Kampffront

Bonaventura führt seine Hand an die Lippen, möchte am Liebsten wortlos (oder lautlos?) reden, verweist auf den alten Leiseleser und reicht seine Randbemerkungen an den (virtuellen) Diskursleiter weiter, der folgende Worte in einer alten, kaum leserlichen Frakturschrift biledschirmfüllend über den Screen scrollen läßt:
"Es gibt vier Arten, ein Buch zu machen. Man kann Fremdes schreiben, ohne etwas hinzuzufügen oder zu verändern, dann ist man ein Schreiber (scriptor). Man kann Fremdes schreiben und etwas hinzufügen, das nicht von einem selbst kommt, dann ist man ein Kompilator (compilator). Man kann auch schreiben, was von anderen und von einem selbst kommt, aber doch hauptsächlich das eines anderen, dem man das Eigene zur Erklärung beifügt, und dann ist man ein Kommentator (commentator), aber nicht ein Autor. Man kann auch Eigenes und Fremdes schreiben, aber das Eigene als Hauptsache und das Fremde zur Bekräftigung beifügen, und dann muß man als Autor (auctor) bezeichnet werden."
(Illich, Ivan: Im Weinberg des Textes. Als das moderne Schriftbild entstand. Ein Kommentar zu Hugos "Didascalicion", Frankfurt/Main 1991, Übersetzung (aus dem Englischen) Ylva Eriksson-Kuchenbuch, Originaltitel: L'Ere du livre, Paris 1990, 112)
In einer Schrift zum Lob der Schreiber versucht ein benediktinischer Abt seine Ordensbrüder von der Notwendigkeit des manuellen Abschreibens der heiligen Bücher angesichts der heraufkommenden Reproduktionsmöglichkeiten der Drucktechnologie zu überzeugen:

Trithemius: Lob des Schreibers

"Wer wüßte nicht, welcher Unterschied zwischen Handschrift und Druck besteht? Die Schrift, wenn sie auf Pergament geschrieben wird, vermag tausend Jahre zu überdauernd; wie lang wird aber der Druck, der ja vom Papier abhängt, Bestand haben, wenn ein Papiercodex zweihundert Jahre überdauert, ist es viel; gleichwohl glauben viele, ihre Texte dem Druck anvertrauen zu müssen. Hierüber wird die Nachwelt befinden. Selbst .wenn jetzt schon viele Bände gedruckt vorliegen, werden doch niemals so viele gedruckt sein sein, daß man nicht etwa wieder etwas zum Schreiben wird finden können, das noch nicht gedruckt ist. Schwerlich wird auch jemand alle gedruckten Bücher auffinden oder für sich erwerben können. Selbst wenn alle Werke der ganzen Welt gedruckt würden, bräuchte ein hingebungsvoller Schreiber von seinem Eifer keineswegs abzulassen; er müßte vielmehr auch den gedruckten und nützlichen Büchern Dauer verleien, indem er sie abschreibt, da sie ansonsten nicht lange bestand hätten. Erst seine Leistung erwirbt den dürftigen Werken Autorität, den wertlosen Größe und den vergänglichen Langlebigkeit. Ein begeisterter Schreiber wird jedenfalls immer etwas finden, was seiner Bemühung wert ist. Er begibt sich nicht unter die Abhängigkeit des Druckers; er ist frei und erfreut sich seiner Freiheit, indem er seine Aufgabe erfüllt. Und er sit dem Drucker keineswegs so unterlegen, daß er wegen dessen Kunst seine bemühungen aufgeben müßte."
(Trithemius, Johannes: De Laude Scriptorum. Zum Lobe der Schreiber. Eingeleitet und übersetzt von Klaus Arnold. Würzburg 1973, Originaltitel 1492, 63 ff)
Im Gegensatz zu den AutorInnen haben es die Literatur- und MedientheoretikerInnen schon immer gesagt: Das Buch ist tot, der Autor ist tot, Lesen ist das Ausfüllen von Leerstellen im Text. Seltsame Widersprüche zur gesellschaftlichen Praxis werden evident: Immer noch erscheinen Bücher mit Autorennamen auf dem Cover ..., aber andere Produktions- und Distributionsweisen scheinen sich zumindest im Universum vernetzter elektronischer Texte anzudeuten.
In der Problematisierung von Copyright und Eigentumsverhältnissen von Texten und Bildern im Internet werden zumeist die modernen bürgerlichen Rechtsnormen als unhinterfragte Bezugspunkte gesetzt, ohne deren historische Relativität zu berücksichtigen. Ein diskurshistorischer Blick auf die Entstehung der Autorenfunktion von Texten zeigt hingegen, daß Texte auch ohne Autorennamen zirkulieren können.

Foucault: Im Namen des Autors: Sie sind entwaffnet!

Foucault stoppt sein dauerndes störendes Getuschel mit Derrida (in einem mit Geheimcodes durchsetzen fränzösisch) und sieht seine Chance, das Blatt zu wenden:

"Andererseits gilt die Funktion Autor nicht überall und nicht ständig für Diskurse. In unserer Kultur haben nicht immer die gleichen Texte einer Zuschreibung bedurft. Es gab eine Zeit, in der die Texte, die wir heute >literarisch< nennen (Berichte, Erzählungen, Epen, Tragödien, Komödien), aufgenommen, verbreitet und gewertet wurden, ohne daß sich die Autorfrage stellte [...]. Im Gegensatz dazu wurden die Texte, die wir heute wissenschaftlich nennen, über die Kosmologie und den Himmel, die Medizin und die Krankheiten, die Naturwissenschaften oder die Geographie im Mittelalter nur akzeptiert und hatten nur dann einen Wahrheitswert, wenn sie durch den Namen des Autors gekennzeichnet waren."
(Foucault, Michel: Schriften zur Literatur, Frankfurt/Main 1979, 19)

Die Autorenfunktion wird also - je nach dem technischen Stand des Kommunikationssystems - erst als ein medialer Effekt des jeweils vorherrschenden Informationssystems der Wissensverarbeitung produziert.
Jetzt erscheint ein freundlicher, aber harmloser Software-Agent auf dem Bildschirm und fordert den Vortragenden auf, endlich zum Thema zu kommen, mit dem Vorspiel aufzuhören, genug des gelehrigen Geschwätzes, brauche es den einen solchen theoretischen Unterbau für das kollaborative Schreiben im Netz?
...
Schnell schließe ich das Fenster dieser wirklich spannend programmierten JAVA- Applikation, die an frühe Text-Adventures erinnert und wähle mich (aus Gewohnheit oder Langeweile) ins Internet ein. Das hohe Piepen des internen Modems aktiviert meine Zirbeldrüse. Der Ton steht einen kurzen Moment, kippt ... Jetzt bin ich drin. Eine gewisse Unruhe ergreift Besitz von mir. Der Desktop ist ein Terminal geworden. Terminalstadien des Denkens? Ankünfte und Abfahrten ...

Aus dem Lautsprecher dröhen Protestrufe einer meuternden Menge, aufgenommen auf einer Demonstration für freie Netzkunst 1996. Die unheimlich starke Datenreduktion verführt allerdings dazu, anzunehmen, es würde sich um irgendeinen historisch weit zurückliegenden Aufstand handeln, vielleicht die Erstürmung des Winterpalais oder die Treppenszene aus Panzerkreuzer Potemkin ...

Lernen: Hören, Lesen, Browsen

Heuzutage findet ein Übergang statt vom Lernen, Verarbeiten und Aufnehmen durch Interaktion mit geschriebenen Materialien - einer Revolution der Informationsaufnahme durch den Buchdruck im späten 15. Jahrhundert, die letztlich zur Reformation, zur Industrialisierung und zu bürgerlich-demokratischen Zugriffsweisen auf Informationen geführt hat - zu einem neuen Lernen in digitalen Informationsenvironments. Vor dem Gutenberg-Zeitalter vollzogen sich Lernprozesse direkt im mündlichen Dialog zwischen Personen: lautes Lesen, Vor-Lesen und Auswendiglernen waren zentrale Übermittlungs- und Speicher-Paradigmen.
Die Übergänge gestalten sich nicht immer einfach: So protestierten etwa die Studenten im 15. Jahrhundert durch Trampeln und Pfeifen, als die Professoren in den Vorlesungen begannen, die Texte nicht mehr langsam im Diktierrythmus vorzulesen, sondern eine schnellere Diktion einschlugen. Die Vorlesung änderte ihren Charakter grundlegend, weil der Faktor der direkten Text-Übermittlung wegfiel zugunsten eines Meta-Diskurses über Texte, die nun schon gedruckt vorlagen. Der Durchsatz (Bytes per second) wurde optimiert, das Textformat und der Adressat änderte sich.


Via Heiko Idensen
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Netzliteratur -- German-language electronic liteature
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“The Art of Moving Words"

“The Art of Moving Words" | Netzliteratur | Scoop.it
Bart Sutton's insight:

The exhibit was built by Dene Grigar (ELL) for the National University of Ireland Maynooth entitled Moving Words:  Kinetic Poetry and Prose, 1984-2014.  The exhibit opened on Thursday, March 14 at 5:30 at Illuminations Gallery. Dene Grigar heads The Electronic Literature Lab (ELL): For Advanced Inquiry into Born Digital Literature.

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Locating the Text

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Peter Glaser: Anfang der Glaserei bei der NZZ: "Ich bin der Neue hier" -> Europäisches Tagebuch -> Anfang Netzliteratur

Peter Glaser: Anfang der Glaserei bei der NZZ: "Ich bin der Neue hier"  -> Europäisches Tagebuch -> Anfang Netzliteratur | Netzliteratur | Scoop.it
Mein Name ist Peter Glaser, ich bin Schriftsteller und als erstes würde ich Ihnen gern erzählen, wie ich zum Bloggen gekommen bin.

Via Heiko Idensen
Bart Sutton's insight:

Heiko Idensen reflektiert über Glasers Anfänge in den 90ern.

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Heiko Idensen's curator insight, August 7, 2013 1:06 AM

"... ein sehr schöner Anfang hier in der neuen "Lokation" der Glaserei :-)
Für mich markiert das "Europäische Tagebuch" wirklich auch den Anfang von vielem, unter anderen auch einer Bewegung, die kurz mal "Netzliteratur" genannt wurde in den 80er / 90er Jahren. Diese Art des Teilens alltäglicher Erfahrungen quer über Europa, mit natrülich teils wahnsinnigen Unterschieden, kulturell, politisch: währen also Wam Kat beschrieb, wie eine Schule, in der er gestern Unterschlupf gefunden hatte, jetzt nicht mehr steht, langweilten sich die "Bohemes" in München .. und überlegten, in welches Konzert sie denn jetzt gehen sollten ...
Insofern stellt Deine Übersetzung und überhaupt das "Republishing" dieser wahnsinnigen Dokumente, die Iniitierung der Idee eines öffentlichen TEILENS von Tagebucheinträgen geradezu eine Initialzündung dar.
Heutzutage natürlich mehr oder minder "abgahakt" unter "Vorformen des Bloggens" :-(
Skandal ist doch, dass das Projekt jetzt nicht mehr online ist!
Ich kann hier nur ein Textarchiv des angesprochenen Zitats aus Googlebooks liefern
http://www.netzliteratur.net/i...
.. so wie eine Teilübersetzung aus dem foebud Archiv
http://museum.foebud.org/texte...

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Turing Complete User

Turing Complete User | Netzliteratur | Scoop.it
with the disappearance of the computer, something else is silently becoming invisible as well — the user.
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ELMCIP ANTHOLOGY OF EUROPEAN ELECTRONIC LITERATURE (2012)

ELMCIP ANTHOLOGY OF EUROPEAN ELECTRONIC LITERATURE (2012) | Netzliteratur | Scoop.it

The ELMCIP Anthology of European Electronic Literature is an output from the ELMCIP researchers based at Blekinge Tekniska Högskola (Blekinge Institute of Technology) in Sweden. The anthology is intended to provide educators, students and the general public with a free curricular resource of electronic literary works produced in Europe. The works were selected, after an open call, based on four main criteria:

European diversity: to represent a broad cross-section of authors and artists from different European cultures.Formal diversity: to represent a broad sampling of approaches to electronic literature demonstrating the influence of multiple modes of practice and different types of interdisciplinary art practice.Historical relevance: works that were deemed historically important to the development of electronic literature communities in Europe.Pedagogical relevance: works that were deemed appropriate for teaching in secondary and university classroom settings.

Click here to edit the title

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Electronic Literature Authoring Software

Electronic Literature Authoring Software | Netzliteratur | Scoop.it
Authoring Software Resouces
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Electronic Literature and Its Emerging Forms | at the Library of Congress

Electronic Literature and Its Emerging Forms | at the Library of Congress | Netzliteratur | Scoop.it

Welcome to “Electronic Literature & Its Emerging Forms.” This website accompanies a three-day exhibit curated by Drs. Dene Grigar & Kathi Inman Berens, held at the Library of Congress as part of its Electronic Literature Showcase, from April 3rd to 5th, 2013.


 

The exhibit features 27 works of electronic literature by American authors, readings by select authors featured in the exhibit, and hands-on creation stations––all part of the Electronic Literature Showcase that also includes an exhibit of rare books, a keynote address, and a panel discussion about electronic literature.  All events are free and open to the public.

 

This website is both a record of and supplement to the exhibit.  We invite you to explore and learn more about “Electronic Literature and Its Emerging Forms.”


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from "Web Stalker" to the Googlization of Literature

from "Web Stalker" to the Googlization of Literature | Netzliteratur | Scoop.it
I'm nostalgic for a moment I never lived through - when we were concerned enough with monopolies over access to information online that not only did we call the competition between Microsoft's Inte...
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David Link, LoveLetters_1.0, 2009—...

David Link, LoveLetters_1.0, 2009—... | Netzliteratur | Scoop.it

From August 1953 to May 1954 strange love-letters appeared on the notice board of Manchester University’s Computer Department:

DARLING SWEETHEART
YOU ARE MY AVID FELLOW FEELING. MY AFFECTION CURIOUSLY CLINGS TO YOUR PASSIONATE WISH. MY LIKING YEARNS FOR YOUR HEART. YOU ARE MY WISTFUL SYMPATHY: MY TENDER LIKING.
YOURS BEAUTIFULLY
M. U. C.

The acronym M.U.C. stood for “Manchester University Computer”, the earliest electronic, programmable and universal calculating machine worldwide; the fully functional prototype was completed in June 1948 and was based on Williams tubes as means of volatile storage. One of the very first software developers, Christopher Strachey (1916–1975), had used the built-in random generator of the Ferranti Mark I, the first industrially produced computer of this kind, to generate texts that are intended to express and arouse emotions.

 

LoveLetters_1.0. MUC=Resurrection. A Memorial.
David LinkZKM, Karlsruhe, Germany, April – August 2009
"Fun With Software", Arnolfini, Bristol, UK, 25 Sep – 21 Nov 2010
"An das Gerät!", Halle 14, Leipzig, 1 May – 26 September 2010, and ACC Gallery, Weimar, 17 Oktober 2010 – 2 January 2011
Alexander Ochs Galleries, Berlin, 2 June 2012 – 8 September 2012
dOCUMENTA(13), Kassel, 9 June 2012 – 16 September 2012
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How The Hills’ Spencer Pratt Landed at the Center of a Complex Piece of Twitter Performance Art

How <em>The Hills</em>’ Spencer Pratt Landed at the Center of a Complex Piece of Twitter Performance Art | Netzliteratur | Scoop.it
For the past three weeks, the Twitter account of The Hills' Spencer Pratt has sounded nothing like the notorious MTV villain we all love to hate.
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About the Online Digital Book, Flows of Reading

About the Online Digital Book, Flows of Reading | Netzliteratur | Scoop.it
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odysseen des wissens: mit der waybackmachine ins Jahr 2001: Arno Schmidt's Zettelkasten und Foucault

odysseen des wissens: mit der waybackmachine ins Jahr 2001: Arno Schmidt's Zettelkasten und Foucault | Netzliteratur | Scoop.it

kollaboratives schreiben im netz
... die waybackmachine beamt mich zurück auf meine alte webseite im Jahre 2001 :-)
... ich sehe die Zettelkästen von Anrno Schmidt und lese nicht ohne Verwunderung eines meiner (damaligen) Lieblingszitate:
"Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. Dem Lachen, das bei seiner Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkens aufrüttelt, des Denkens unserer Zeit und unseres Raumes, das alle geordneten Oberflächen und alle Pläne erschüttert und unsere tausendjährige Handhabung des Gleichen und des Anderen schwanken läßt und in Unruhe versetzt. Dieser Text zitiert "eine gewisse chinesiche Enzyklopädie", in der es heißt, daß "die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebären, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen. (Jorge Luis Borges, Die analytische Sprache John Wilkins', in: ders., Das Eine und die Vielen. Essays zur Literatur, München 1966, S.212) Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie erreicht man mit einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens bezeichnet wird - die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken."
(Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt/Main, 1971, 17)


Via Heiko Idensen
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Google vs. Gutenberg: Strategien der Nutzung - kollaborativer Science Fiction

Google vs. Gutenberg: Strategien der Nutzung - kollaborativer Science Fiction | Netzliteratur | Scoop.it

Vielleicht sind wir immer noch zu bequem – und haben es noch gar nicht gelernt mit den „postmodernen Informationstechnologien“ wirklich zu denken – einen Aufforderung, die Jean Francois Lyotard 1984 in der Ausstellung „Die Immaterialien“ im Centre Beaubourg, Paris, an die Intellektuellen postmodernen Theoretiker adressierte – und promt eines der ersten kollaborativen Schreibprojekte iniziierte ... und somit die Theorie eigentlich Pop-fähig machte ... denn die Kids an den Terminals „dachten“ die Texte weiter ... mit ihren Fingerspitzen huschten sie über die Tastaturen, riefen am Mini-TEL-Terminal, eine jener heroisch untergegangenen Technologien, die endlosen Dislussionen, Stichwörter, Definitionen auf, die die Schriftgelehrten (das waren in den 80er Jahren eben jene postmodernenn Philosophen Baudrillard, Lyotard und Konsorten ....) in einem Schreibspiel zusammengetragen hatten .. sie taten das einzige, was man mit diesen Texten machen konnten, sie spielten damit ... und bewegten sich womöglich mit einer solchen „Nutzerstrategie“ eben jenseits dieser Dichotomien, in deren abgrundtiefer Lücke vielleicht unser gänzliches Unverständnis den neuen Technologien gegenüber aufblitzt: high and low, E und U, Gutenberg und Google, Handschrift oder Druck, Code / Decode:
In einer Schrift zum ‘Lob der Schreiber’ versucht ein benediktinischer Abt seine Ordensbrüder von der Notwendigkeit des manuellen Abschreibens der heiligen Bücher angesichts der heraufkommenden Reproduktionsmöglichkeiten der Drucktechnologie zu überzeugen:
„Wer wüßte nicht, welcher Unterschied zwischen Handschrift und Druck besteht? Die Schrift, wenn sie auf Pergament geschrieben wird, vermag tausend Jahre zu überdauernd; wie lang wird aber der Druck, der ja vom Papier abhängt, Bestand haben; [...] gleichwohl glauben viele, ihre Texte dem Druck anvertrauen zu müssen. Hierüber wird die Nachwelt befinden. [...] Selbst wenn alle Werke der ganzen Welt gedruckt würden, bräuchte ein hingebungsvoller Schreiber von seinem Eifer keineswegs abzulassen; er müßte vielmehr auch den gedruckten und nützlichen Büchern Dauer verleien, indem er sie abschreibt, da sie ansonsten nicht lange Bestand hätten. Erst seine Leistung erwirbt den dürftigen Werken Autorität, den wertlosen Größe und den vergänglichen Langlebigkeit.“ (Trithemius 1492, S.63 ff)
Lesezeichen hinzufügen: Widmung. Lachen, Sirenen, herrenlose Hunde
lachen an der Grenze des Denkens ...
Da ist im Hintergrund ein Lachen zu hören, das immer mehr anschwillt und das automatische Display des folgenden Fragments auf pergamentener fast durchscheinender Oberfläche nach der Art eines vielschichtigen Palimpsestes fast in den Hintergrund drängt:
"Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. Dem Lachen, das bei seiner Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkens aufrüttelt, des Denkens unserer Zeit und unseres Raumes, das alle geordneten Oberflächen und alle Pläne erschüttert und unsere tausendjährige Handhabung des Gleichen und des Anderen schwanken läßt und in Unruhe versetzt. Dieser Text zitiert "eine gewisse chinesiche Enzyklopädie", in der es heißt, daß 'die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebären, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.'
(Borges 1981, S. 212)
Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie erreicht man mit einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens bezeichnet wird - die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken."
(Foucault 1971, S.17)


auswendig lernen, inwendig wissen
Aber das ist alles nichts, das ich weiß – alles nur abgeschrieben aus einen Suhrkamp-Buch, obwohl ich dem Autor – Michel Foucault – doch einmal tatsächlich gefolgt bin – auf einem Festival der Gegenkultur in Berlin (hieß es wirklich „TUNIX“) ... aber das weiterzuerzählen führte wirklich zu weit ...
Diese Buchmenschen! Alles ist für sie Text: Landschaften, Städte, Wolken ... Alle Zeichen und Spuren, die ganze Welt kann (und muss!) gelesen werden: die Natur, die Träume, die Seele, die Krankheiten, die Sternzeichen, der Vogelflug ...

Auf dem Monitor öffnet sich ein Videofenster: Menschen laufen kreuz und quer durch die Landschaft und rezitieren dabei mehr oder weniger bekannte Stellen aus der Weltliteratur. Ich spule vor. Ein alter Mann liegt im Sterben. Mit Mühe und Not artikuliert er einen auswendig gelernten Text. Ein Junge liest ihm die Worte von den Lippen ab und versucht, diese wiederum zu behalten. Fast forward. Es handelt sich um Aufständische, die in einer hochtechnisierten Mediengesellschaft, in der es verboten ist, Bücher zu lesen und zu besitzen, durch mündliche Weitergabe versuchen, die wichtigsten Bücher zu bewahren. Jeder lernt sein Lieblingsbuch auswendig.
(Francois Truffauts Verfilmung von Ray Bradburys "Fahreinheit 451", England 1966)

Inwendig nur konnten die Texte in vorliteralen Gesellschaften bewahrt und tradiert werdern. Die Gedächtniskünste zeugen von raffiinierten mnemotechnischen Methoden und Verfahrensweisen. Die klassische Gedächtniskunst gründet sich auf eine Topographie mentaler Bilder:
der Redner geht durch die Architektur des alten Roms, sieht die Plätze, Orte und Standbilder, an denen Bilder und Geschichten gespeichert sind, und in dieser Bewegung durch kulturelle Erinnerungsplätze memoriert er Gedanken und Worte. Mit Hilfe dieser Mnemotechnik, bei der Orte Assoziationen im Gedächtnis hervorrufen, gelangt der Inhalt einer Rede durch gezieltes Umhergehen wieder auf die Lippen des Poeten.

.... das Wissen im Netz ist also gar kein Wissen – im klassischen Sinne?


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Littératures numériques : une exposition majeure au Labo BnF (vidéo) | IDBOOX

Littératures numériques : une exposition majeure au Labo BnF (vidéo) | IDBOOX | Netzliteratur | Scoop.it
Jusqu’au 1er décembre 2013 et dans le cadre du festival Chercher le Texte, le Labo de la Bibliothèque nationale de France propose une exposition inédite
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GalleryDDDL:: Locating the Text

GalleryDDDL:: Locating the Text | Netzliteratur | Scoop.it

Chercher le Texte

 

Bart Sutton's insight:

Chercher le Texte presents 50 works of electronic literature in a virtual gallery. Also shown at venues in Paris: Centre Pompidou, Bibliothüque Nationale and Le Cube.

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code {poems}

code {poems} | Netzliteratur | Scoop.it

Poetry is considered a form of literary art in which language is used for its aesthetic and evocative qualities. It contains multiple interpretations and therefore resonates differently in each reader.

Code is the language used to communicate with computers. It has its own rules (syntax) and meaning (semantics). Like literature writers or poets, coders also have their own style that include - strategies for optimizing the code being read by a computer, and facilitating its understanding through visual organization and comments for other coders.

Code can speak literature, logic, maths. It contains different layers of abstraction and it links them to the physical world of processors and memory chips. All these resources can contribute in expanding the boundaries of contemporary poetry by using code as a new language. Code to speak about life or death, love or hate. Code meant to be read, not run.

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MOGA: Museum of Glitch Aesthetics

MOGA: Museum of Glitch Aesthetics | Netzliteratur | Scoop.it
The Museum of Glitch Aesthetics (MOGA) is the latest work in Mark Amerika's collaborative series of transmedia narratives.
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"Avenues of Access: An Exhibit & Online Archive of New 'Born Digital' Literature"

"Avenues of Access: An Exhibit & Online Archive of New 'Born Digital' Literature" | Netzliteratur | Scoop.it
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The Death of the Author: E-lit and Collective Creativity

The Death of the Author: E-lit and Collective Creativity | Netzliteratur | Scoop.it
For many electronic writers, collaboration, though not crowdsourcing, is a necessary and often preferred way of writing.
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"Reading Writing Interfaces" Book Project Description

"Reading Writing Interfaces" Book Project Description | Netzliteratur | Scoop.it
Reading Writing Interfaces: From the Digital to the Bookbound (forthcoming University of Minnesota Press, 2014) Table of Contents Introduction Chapter 1: Indistinguishable From Magic | Invisible In...
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Ted's ComParadigm in OneLiners

Ted's ComParadigm in OneLiners | Netzliteratur | Scoop.it

[ INOPERATIVE NOTE FROM 1999: Transcopyright 1999 Ted Nelson.  Please quote on the Web only by using transquotation strings (TQstrings), which will soon be available for this page.) Note: Web transquotation doesn't work. ]
 

  The purpose of computers is human freedom.-- T.Nelson, Computer Lib, 1974
No one's life has yet been simplified
by a computer.-- T.Nelson, Computer Lib, 1974
In 1974, computers were oppressive devices
in far-off airconditioned places.
Now you can be oppressed by computers in your own living room.-- T.Nelson, Computer Lib, 1987 edition
"The computer world is like a great big toy store.
But all the toys are broken." -- Steve Witham
.
.
     "If houses were built the way software is built,
the first woodpecker would bring down civilization."  -- Anon.

The Dream

Beginners have the notion that computers can help them stay organized all the time and make life easier.  Then they have to face the incredible difficulty and disappointment of learning today's systems, and either give up or settle for far less.

I believe that original dream is still possible for everyone.  But not with today's systems.

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ELO 2013 Paris: Call for Artistic Proposals (2/18, 2/23-26/13) | Electronic Literature Organization

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TwitLonger — When you talk too much for Twitter

TwitLonger — When you talk too much for Twitter | Netzliteratur | Scoop.it
TwitLonger is the easy way to post more than 140 characters to Twitter
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Len Deighton’s Bomber, the first book ever written on a word processor.

Len Deighton’s Bomber, the first book ever written on a word processor. | Netzliteratur | Scoop.it
Would best-selling novelist Len Deighton care to take a walk? It was 1968, and the IBM technician who serviced Deighton’s typewriters had just heard from Deighton’s personal assistant, Ms.
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Heiko Idensen: Hypertext, Hyperfiction, Hyperwissenschaft

Plato: Schrift tötet lebendiges Gedächtnis

Plato, sich gleichermaßen gegen Literatur im Netz als auch gegen die Schrift prinzipiell wendend simuliert seinerseits einen Dialog zwischem seinem nur mündlich lehrenden Lehrer Sokrates mit Phaidros, in dem die Schwäche der Schrift im Gegensatz zu dialogischen Kultur herausgestellt wird:
"Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften: Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so bezeichnen sie doch nur stets ein und dasselbe. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht."
(Platon, Phaidros. in: Sämtliche Werke 4, Hamburg 1957, S.56 )

Derrida: bloß nicht an der Oberflächen bleiben!

Derrida, müde und abgespannt wirkend vom dauernden differenzieren und dekonstruieren, pflichtet ihm bei und überbietet ihn noch (wer hätte das gedacht - oder handelt es sich um ein Mißverständnis, einen Übersetzungs- oder Übertragungsfehler?)
"Was es heute zu Denken gilt, kann in Form der Zeile oder des Buches nicht niedergeschrieben werden. (155) Wenn wir den Text vom Buch abheben, dann wollen wir damit sagen, daß der Untergang des Buches, wie es sich heute in allen Bereichen andeutet, die Oberfläche des Textes bloßlegt. (35)
Kinematographie, Choreographie, aber auch 'Schrift' des Bildes, der Musik, der Skulptur usw. Ebensogut könnte man von einer athletischen Schrift sprechen und, in Anbetracht der Techniken, die heute dieses Gebiet beherrschen, mit noch größerem Recht von einer Schrift des Militärischen oder des Politischen. [...] Im Hinblick auf die elementaren Informationsprozesse in der lebenden Zelle spricht auch der Biologe heute von Schrift und Pro-gramm. Und endlich wird der ganze, vom kybernetischen Programm eingenommene Bereich [...] ein Bereich der Schrift sein. (21) Entgegen allem Augenschein kündigt der Tode des Buches zweifellos [...] bloß einen Tod des gesprochenen Wortes und eine neue Mutation in der Geschichte der Schrift [...] an. (20) Wie schon bei Platons Schrift der Wahrheit in der Seele haben wir es auch noch im Mittelalter mit einer im metaphorischen Sinnen verstandenen, natürlichen, ewigen und universalen Schrift zu tun [...]. Wie im Phaidros bleibt ihr eine gewissermaßen abgefallene Schrift entgegengesetzt. (31)"
(Derrida, Jacques: Grammatologie, Frankfurt/Main 1974, Originaltitel: De la grammatologie, Paris 1967)

Plato: Verwerfung jeglichen Schreibens

Plato, jetzt wirklich sauer auf diesen Versuch, die Schrift wieder aus den Klauen der Mündlichkeit zu befreien, wird laut und unflätig:
"Denn diese Erfindung wird den Seelen der Lernenden vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Erinnerns, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für die Erinnerung, sondern nur für das Erinnern hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. "
(Platon: Phaidros. in: Sämtliche Werke 4, 7-61, nach Friedrich Schleiermachers Übersetzung von Walter F. Otto, Ernesto Grassi und Gert Plamböck herausgegeben, hier:55)

Bonaventura: Schreiber, Kompilator, Kommentator, Autor - eine Kampffront

Bonaventura führt seine Hand an die Lippen, möchte am Liebsten wortlos (oder lautlos?) reden, verweist auf den alten Leiseleser und reicht seine Randbemerkungen an den (virtuellen) Diskursleiter weiter, der folgende Worte in einer alten, kaum leserlichen Frakturschrift biledschirmfüllend über den Screen scrollen läßt:
"Es gibt vier Arten, ein Buch zu machen. Man kann Fremdes schreiben, ohne etwas hinzuzufügen oder zu verändern, dann ist man ein Schreiber (scriptor). Man kann Fremdes schreiben und etwas hinzufügen, das nicht von einem selbst kommt, dann ist man ein Kompilator (compilator). Man kann auch schreiben, was von anderen und von einem selbst kommt, aber doch hauptsächlich das eines anderen, dem man das Eigene zur Erklärung beifügt, und dann ist man ein Kommentator (commentator), aber nicht ein Autor. Man kann auch Eigenes und Fremdes schreiben, aber das Eigene als Hauptsache und das Fremde zur Bekräftigung beifügen, und dann muß man als Autor (auctor) bezeichnet werden."
(Illich, Ivan: Im Weinberg des Textes. Als das moderne Schriftbild entstand. Ein Kommentar zu Hugos "Didascalicion", Frankfurt/Main 1991, Übersetzung (aus dem Englischen) Ylva Eriksson-Kuchenbuch, Originaltitel: L'Ere du livre, Paris 1990, 112)
In einer Schrift zum Lob der Schreiber versucht ein benediktinischer Abt seine Ordensbrüder von der Notwendigkeit des manuellen Abschreibens der heiligen Bücher angesichts der heraufkommenden Reproduktionsmöglichkeiten der Drucktechnologie zu überzeugen:

Trithemius: Lob des Schreibers

"Wer wüßte nicht, welcher Unterschied zwischen Handschrift und Druck besteht? Die Schrift, wenn sie auf Pergament geschrieben wird, vermag tausend Jahre zu überdauernd; wie lang wird aber der Druck, der ja vom Papier abhängt, Bestand haben, wenn ein Papiercodex zweihundert Jahre überdauert, ist es viel; gleichwohl glauben viele, ihre Texte dem Druck anvertrauen zu müssen. Hierüber wird die Nachwelt befinden. Selbst .wenn jetzt schon viele Bände gedruckt vorliegen, werden doch niemals so viele gedruckt sein sein, daß man nicht etwa wieder etwas zum Schreiben wird finden können, das noch nicht gedruckt ist. Schwerlich wird auch jemand alle gedruckten Bücher auffinden oder für sich erwerben können. Selbst wenn alle Werke der ganzen Welt gedruckt würden, bräuchte ein hingebungsvoller Schreiber von seinem Eifer keineswegs abzulassen; er müßte vielmehr auch den gedruckten und nützlichen Büchern Dauer verleien, indem er sie abschreibt, da sie ansonsten nicht lange bestand hätten. Erst seine Leistung erwirbt den dürftigen Werken Autorität, den wertlosen Größe und den vergänglichen Langlebigkeit. Ein begeisterter Schreiber wird jedenfalls immer etwas finden, was seiner Bemühung wert ist. Er begibt sich nicht unter die Abhängigkeit des Druckers; er ist frei und erfreut sich seiner Freiheit, indem er seine Aufgabe erfüllt. Und er sit dem Drucker keineswegs so unterlegen, daß er wegen dessen Kunst seine bemühungen aufgeben müßte."
(Trithemius, Johannes: De Laude Scriptorum. Zum Lobe der Schreiber. Eingeleitet und übersetzt von Klaus Arnold. Würzburg 1973, Originaltitel 1492, 63 ff)
Im Gegensatz zu den AutorInnen haben es die Literatur- und MedientheoretikerInnen schon immer gesagt: Das Buch ist tot, der Autor ist tot, Lesen ist das Ausfüllen von Leerstellen im Text. Seltsame Widersprüche zur gesellschaftlichen Praxis werden evident: Immer noch erscheinen Bücher mit Autorennamen auf dem Cover ..., aber andere Produktions- und Distributionsweisen scheinen sich zumindest im Universum vernetzter elektronischer Texte anzudeuten.
In der Problematisierung von Copyright und Eigentumsverhältnissen von Texten und Bildern im Internet werden zumeist die modernen bürgerlichen Rechtsnormen als unhinterfragte Bezugspunkte gesetzt, ohne deren historische Relativität zu berücksichtigen. Ein diskurshistorischer Blick auf die Entstehung der Autorenfunktion von Texten zeigt hingegen, daß Texte auch ohne Autorennamen zirkulieren können.

Foucault: Im Namen des Autors: Sie sind entwaffnet!

Foucault stoppt sein dauerndes störendes Getuschel mit Derrida (in einem mit Geheimcodes durchsetzen fränzösisch) und sieht seine Chance, das Blatt zu wenden:

"Andererseits gilt die Funktion Autor nicht überall und nicht ständig für Diskurse. In unserer Kultur haben nicht immer die gleichen Texte einer Zuschreibung bedurft. Es gab eine Zeit, in der die Texte, die wir heute >literarisch< nennen (Berichte, Erzählungen, Epen, Tragödien, Komödien), aufgenommen, verbreitet und gewertet wurden, ohne daß sich die Autorfrage stellte [...]. Im Gegensatz dazu wurden die Texte, die wir heute wissenschaftlich nennen, über die Kosmologie und den Himmel, die Medizin und die Krankheiten, die Naturwissenschaften oder die Geographie im Mittelalter nur akzeptiert und hatten nur dann einen Wahrheitswert, wenn sie durch den Namen des Autors gekennzeichnet waren."
(Foucault, Michel: Schriften zur Literatur, Frankfurt/Main 1979, 19)

Die Autorenfunktion wird also - je nach dem technischen Stand des Kommunikationssystems - erst als ein medialer Effekt des jeweils vorherrschenden Informationssystems der Wissensverarbeitung produziert.
Jetzt erscheint ein freundlicher, aber harmloser Software-Agent auf dem Bildschirm und fordert den Vortragenden auf, endlich zum Thema zu kommen, mit dem Vorspiel aufzuhören, genug des gelehrigen Geschwätzes, brauche es den einen solchen theoretischen Unterbau für das kollaborative Schreiben im Netz?
...
Schnell schließe ich das Fenster dieser wirklich spannend programmierten JAVA- Applikation, die an frühe Text-Adventures erinnert und wähle mich (aus Gewohnheit oder Langeweile) ins Internet ein. Das hohe Piepen des internen Modems aktiviert meine Zirbeldrüse. Der Ton steht einen kurzen Moment, kippt ... Jetzt bin ich drin. Eine gewisse Unruhe ergreift Besitz von mir. Der Desktop ist ein Terminal geworden. Terminalstadien des Denkens? Ankünfte und Abfahrten ...

Aus dem Lautsprecher dröhen Protestrufe einer meuternden Menge, aufgenommen auf einer Demonstration für freie Netzkunst 1996. Die unheimlich starke Datenreduktion verführt allerdings dazu, anzunehmen, es würde sich um irgendeinen historisch weit zurückliegenden Aufstand handeln, vielleicht die Erstürmung des Winterpalais oder die Treppenszene aus Panzerkreuzer Potemkin ...

Lernen: Hören, Lesen, Browsen

Heuzutage findet ein Übergang statt vom Lernen, Verarbeiten und Aufnehmen durch Interaktion mit geschriebenen Materialien - einer Revolution der Informationsaufnahme durch den Buchdruck im späten 15. Jahrhundert, die letztlich zur Reformation, zur Industrialisierung und zu bürgerlich-demokratischen Zugriffsweisen auf Informationen geführt hat - zu einem neuen Lernen in digitalen Informationsenvironments. Vor dem Gutenberg-Zeitalter vollzogen sich Lernprozesse direkt im mündlichen Dialog zwischen Personen: lautes Lesen, Vor-Lesen und Auswendiglernen waren zentrale Übermittlungs- und Speicher-Paradigmen.
Die Übergänge gestalten sich nicht immer einfach: So protestierten etwa die Studenten im 15. Jahrhundert durch Trampeln und Pfeifen, als die Professoren in den Vorlesungen begannen, die Texte nicht mehr langsam im Diktierrythmus vorzulesen, sondern eine schnellere Diktion einschlugen. Die Vorlesung änderte ihren Charakter grundlegend, weil der Faktor der direkten Text-Übermittlung wegfiel zugunsten eines Meta-Diskurses über Texte, die nun schon gedruckt vorlagen. Der Durchsatz (Bytes per second) wurde optimiert, das Textformat und der Adressat änderte sich.


Via Heiko Idensen
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